Meine Geschichten aus Thailand

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dogmai
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Meine Geschichten aus Thailand

#1

Beitrag von dogmai »

Meine Geschichte in Thailand begann im Jahr 1969 mit meiner ersten Reise dorthin. Ich werde das nicht wieder nacherzählen, dazu sind die Emotionen dann wieder zu stark und außerdem schon oft erzählt. Ich will euch lieber mit anderen Geschichten langweilen.
Zuletzt geändert von dogmai am 01.05.2026 09:42, insgesamt 1-mal geändert.
Einmal alter Farang, immer alter Farang

Vergangenheit

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dogmai
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Was ist eigentlich eine binationale Ehe?

#2

Beitrag von dogmai »

Diese Geschichte habe ich 1997 geschrieben, damals gab es noch eine andere, unbeflecktere Sichtweise. Und eine rosarote Brille spielte auch eine Rolle.

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Beziehungen oder Ehen zwischen deutschen Männern und "normalen" (d.h. “nicht käuflichen") Thailänderinnen sind in eingeweihten Kreisen immer noch bestaunte Rarität. Denn es spielt sich doch der überwiegende Teil dieser Beziehungen mit Frauen ab, deren Bekanntschaft Mann in Bars gemacht hat, zumeist in der freundlichen, weil sonnigen Atmosphäre der offenen Bartheken in Pattaya, Phuket, Samui oder anderen Touristenorten.

Normalerweise kommt die thailändische Frau oder das thailändische Mädchen selten in die Verlegenheit, Bekanntschaft mit einem Ausländer zu schließen. Wo auch? Im Büro, im Kaufhaus, im kleinen Lädchen nebenan? Dort muß sie arbeiten, kann nicht auch noch Bekanntschaften schließen, mit wem auch immer. Trotzdem ist es natürlich nicht unmöglich, denn auch in Thailand bleibt die Zeit nicht stehen, ist die Gewöhnung an den Ausländer fortgeschritten, die neue Generation ist offener und freizügiger. Und dennoch:
Wie würde man sie denn auch ansehen? Was ist falsch an ihr, dass sie keinen Thai-Ehemann finden kann? Die "gute" Gesellschaft wird eine solche Frau mit großer Wahrscheinlichkeit mit den Prostituierten in einen Topf werfen, das ist ein ungeheurer Gesichtsverlust für die Betreffende. Nur wenige Thai-Frauen sind selbstbewußt genug, sich diesen gesellschaftlichen Vorurteilen zu stellen.

Eines ist tatsächlich außerordentlich bemerkenswert: deutsche Männer, die in der Heimat möglicherweise nicht einmal wissen, wo das nächstgelegen Bordell ist, nehmen eine 11- stündige oder noch längere Reise auf sich, um sich in einem sozusagen heißen Land mit jungen Mädchen zu vergnügen, die für ihre Dienste ebenfalls noch bezahlt werden müssen, im eigentlichen Sinne also als Prostituierte gelten müssen.

Und warum gerade dort, Warum gerade Asien? Überall geistert die Mär von der sinnlichen, anschmiegsamen und aufopferungsvollen Asiatin durch die Männerliebeswelt, und recht haben sie. Die Mädchen, deren ganzes Streben einzig danach gerichtet ist, einen Touristen zu finden, der sie für eine Zeitlang finanziell unterstützt und dabei noch möglichst nett zu ihr ist, werden alles daran setzen, dem Freund auf Zeit ein schönes, unvergessliches Erlebnis zu bereiten. Je besser eine Ware gefällt, desto eher ist man bereit, dafür Geld auszugeben. (Sorry Leute, das ist ein Vergleich, keinesfalls setze ich die Mädchen und Frauen mit einer Ware gleich.) Und beobachtet man das Spiel an den Theken und in den Bars so stellt man fest, dass es wirklich oftmals freundlicher, wärmer, fröhlicher ist, als wir Männer es uns in der Welt der käuflichen Liebe vorstellen, die wir eher das kühle, harte europäsche Arbeitsklima kennen. Hier findet Mann noch Zärtlichkeit von liebevollen Wesen, die das rechte Machoherz die harten Emanzenkämpfe leicht vergessen lassen. Und so gelten die 1 bis 3 Wochen der Lebens- und Liebeslust leicht als Maßstab für das, was man für ein ganzes Leben von eben diesem Traum erwarten möchte.

Und schnell ist man versucht, diesen Traum festzuhalten, ihn nach Hause zu transferieren, ihn ein ganzes Leben zu beanspruchen. Und gerne ist man bereit, alles, was der Verstand vielleicht noch zu sagen hat dem eigenen Wollen und Mögen unterzuordnen.

Doch oft gibt es ein böses Erwachen. Man hat einfach verdrängt, dass es einen einzigen, nur den einen, nur den alleinigen Grund gibt, weshalb diese Frau die Bekanntschaft gesucht hat: Geld. Der Gedanke an eine eventuelle künftige Sicherheit, die sie erreichen kann, ist noch gar nicht vorhanden, wenn das Kennenlernen stattfindet.

„Hello, how are you? Sit down please!” Waren das auch die Worte, die du in Benglisch (Bar-Englisch) zuerst gehört hast von ihr? Das liebe Gesicht, das nette, warme Lächeln, die zarte Figur. War das dein erster Eindruck von ihr? Wolltest du gerade sie treffen, nach einer Reise von achttausend Meilen? Irgendwann ist dir klar: genau sie, ja nur sie.

Und so nimmt man einen Platz, einen Drink, spendiert einen Drink, Irgendwann macht sie ihm klar, dass es eine kleine Auslöse kostet, wenn sie jetzt mit ihm geht. Und er wird es nicht erwarten können, wird der Bar auch noch diese kleine Summe gönnen, es ist ja für sie, für die einzige, für die es sich lohnt.

Alles was Zuhause war, ist plötzlich vergessen. Wann hat er in Deutschland seiner Freundin zuletzt eine schöne Jacke gekauft, eine Bluse, ein Eis? Hier wird ihm das fast zur Gewohnheit, denn sie hat ja nichst. Nichts zum Anziehen, nichts zu essen.

Es kommt, wie es kommen muß. Er wird sie wieder in der Bar besuchen, wieder auslösen, sie wird den Vorschlag machen, doch nicht jeden Abend dieses Geld auszugeben, denn sie kann ja ein, zwei Wochen mit ihm zusammensein.

Mann verliebt sich in das Mädchen, sie mag ihn auch ganz gern, ist einer von den netteren Kunden, die, die nicht so fürchterlich betrunken und aggressiv sind. Für ihn senkt sie sogar ihren Standardpreis.

Wieder in Deutschland zurück hält Mann den Gedanken nicht mehr aus, dass seine "Freundin" mit anderen ins Bett geht, wenn er mal nicht da ist. Schließlich braucht sie ja Geld, das versteht er, aber nein, das macht er doch nicht mehr mit. Eines Tages unterbreitet er ihr also eine Idee, er hat sich alles gut überlegt: Sie solle mit der Bar aufhören, er würde ihr von nun an alles zahlen, was sie brauche.

Ein verlockender Gedanke, für beide. Sie will ja nicht ewig in der Bar arbeiten, träumt den Traum aller Barmädchen, den einen zu finden, den Märchenprinzen, der ihr alles gibt was sie zum Leben benötigt: Geld. Und als gute Tochter hat sie auch auch eine Verpflichtung, die Eltern zu unterstützen, und das ein Leben lang.

Und hat sich bisher alles schon tausendfach abgespielt, gibt es auch für das Weitere so etwas wie eingefahrene Rollenspiele: da gibt es das, was ich als die große Ausnahme ansehe, wo beide stark genug sind, Probleme zu erkennen, Probleme gemeinsam zu lösen. Auch wenn dieses bedingt, dass die Frau ihre traditionelle Rolle als gehorsames Kind aufgibt, nicht mehr auf die ankommenden Forderungen der Eltern eingeht oder ihnen klarmacht, dass der Märchenprinz eben auch nur ein normaler Mensch ist, der nicht über unbegrenzte finanzielle Mittel verfügt.

Und für das Andere, das Spätere, das ganz Alltägliche in Deutschland, dafür nehme ich mir später Zeit zu formulieren, ist es doch das, was sich wie ein Faden durch das Leben zieht. Der Alltag ist wieder da mit all seinen Schwierigkeiten, die Kommunikation fehlt, die Freundinnen fehlen, das Klima fehlt, das Geld wird knapp, denn jetzt muß man plötzlich auch an Miete denken, kein Hotelgeist, der das Frühstück serviert, kein Strand, an dem man eine kleine Mahlzeit kommen lässt, kein Mann, der den ganzen Tag nur für sie da ist.

Es ist kalt in Deutschland. Das Klima, die Menschen, der Alltag.
Fühlen Sie sich vielleicht provoziert? Ja, ich weiß.
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Silvester im Zug von Chiang Mai nach Bangkok

#3

Beitrag von dogmai »

Weihnachten 1986 verbrachte ich mit meiner thailändischen Ehefrau bei Freunden in Ban Kiew Luang, einem kleinen Dörfchen nahe Lampang. Zum Abschluß wollten wir noch ein zünftiges Silvester feiern, bevor wir uns wieder auf die Rückreise machten: via Bangkok nach Ban Nong Waeng, einem ebenfalls kleinen Dörfchen nahe Roiet im Nordosten, wo wir unser Häuschen haben.

Am Morgen des 31. Dezembers kam uns die Idee, die Feier nach Chiang Mai zu verlegen, keine gute Idee, wie sich herausstellte. Wir fuhren also mit dem Pick Up meines Freundes dorthin und machten uns als erstes auf die Suche nach einer Unterkunft. Aber das am 31. Dezember! Kurz und schlecht - wir fanden keine Herberge, weder in einem der Luxushotels noch in der letzten Absteige, und guter Rat war teuer. Wir entschlossen uns daher, die für den 1. Januar geplante Abreise um einen Tag vorzuverlegen.

Unsere Freunde brachten uns also zum Bahnhof, und das Geduldspiel um die Fahrkarte und das Bett konnte beginnen. "Sorry, the train is full!" Das war nun erstmal eine kleine Katastrophe - kein Hotel, kein Platz im Zug. Sollten wir etwa wieder zurückfahren und es am nächsten Tag versuchen?“ Sorry, the trains tomorrow and after tomorrow are fully booked."

Freundlich lächelnd, aber bestimmt gab die junge Dame hinter dem Tresen diese Auskunft. Noch freundlicher und interessierter wurde die Dame, als ich nun mit meiner Frau auf Thai beratschlagte, was zu tun sei. "Oh, ein Farang, der Thai spricht!" Nun mußte ich ihr erst einmal erklären, warum das so ist, mußte erzählen, wie oft ich schon im Land gewesen sei, was ich an Thailand so mag, kurzum, alles, was einen so interessiert, wenn man sich garnicht kennt, wir unterhielten uns also aufs beste. Die Abfahrtszeit rückte näher. Und plötzlich erinnerte sie sich, daß wohl doch noch zwei Tickets für Betten der 2. Klasse zu haben seien - die Vorbesteller werden wohl nicht mehr kommen. Und wenn doch? "Oh, wir werden sehen."

Nach einem herzlichen Abschied von unseren Freunden bestiegen wir also den Zug. Es waren tatsächlich alle Plätze belegt. Wir waren ein recht buntes Häuflein im Wagen. Da waren Engländer, Italiener, Deutsche und Thai, und die erste Stunde der Fahrt war noch nicht beendet, als wir uns schon zusammengefunden hatten.

Aus vielen Taschen und Behältnissen waren plötzlich Getränke und Speisen aufgetaucht und wurden ausgetauscht und verschenkt, für Nachschub sorgte der Kellner aus dem Speisewagen. Später hatten die Zugbegleiter noch erhebliche Mühe, die Betten herzurichten. Ständig wurden sie zum Mitessen und Mittrinken aufgefordert, und auch der Zugpolizist ließ es sich nicht nehmen, an unserer improvisierten und vielleicht deshalb so netten Sitvesterparty teilzunehmen. Um Mitternacht dann internationale Glückwünsche zum neuen Jahr - und gegen zwei Uhr war auch der standhafteste Mitfahrer in der Koje verschwunden.

Noch vier Stunden Schlaf bis zur Ankunft in Bangkok.
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Visionen - manche nennen es Albtraum

#4

Beitrag von dogmai »

Es ist eine Fiktion. Ich habe mir in den drei folgenden Geschichten ausgemalt, wie es war, als ich Thailand kennen lernte, wie das Leben sich 10 Jahre später darstellte, und wie es sich 20 Jahre später oder mehr entwickelt hat. Die Verstädterung schreitet voran, ich sehe das am Beispiel Bangkok und Korat oder Nakhon Ratchasima sehr deutlich, aber auch am Beispiel unseres kleinen Dorfes Ban Nong Waeng. Ähnlichkeiten mit der Wirklichkeit sind beabsichtigt.

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Es war einmal

Es war einmal ein einfaches Land, das hieß Thailand. Hier lebten viele Menschen, die sich kannten, die in Dörfern oder kleinen Städten zusammenlebten, und die auch zusammen ihre Felder bestellten, sich gegenseitig halfen, die Tabak gegen Reis tauschten oder gegen Hühner oder Eier, damit ihre Familien satt wurden. Radio oder Fernsehen waren ein Luxus, den sich nur ganz wenige leisten konnte, zumeist in einem Dorf nur der reichste Mann. Das war dann oft auch der Ortsvorsteher und damit der angesehenste Mann. Und wenn er zuließ, dass sich Dorfbewohner bei ihm einfanden, um die schönen Liebesfilme oder Geisterfilme zu verfolgen war es auch ein beliebter Mann.

Die Begriffe Urlaub und Reisen waren etwas, worunter sie sich nichts vorstellen konnten. Für sie zählte nur die Arbeit, dazu noch die Familie und das Heim. Touristenzentren wie Pattaya oder gar Phuket oder Samui waren ihnen gänzlich unbekannt, denn was sollten sie sich auch unter Touristen vorstellen. Und selbst wenn sie sich darunter hätten etwas vorstellen können wäre ihnen nicht klar gewesen, was das denn für Leute sein könnten und woher die denn kommen könnten, denn Thailänder arbeiten und machen keinen Urlaub.

Irgendwann einmal tauchten fremdartig aussehende Leute  im Dorf auf, die nicht, wie sie alle, den ganzen Tag auf dem Feld verbrachten, die nicht den ganzen Tag einer Tätigkeit nachgingen, damit die Familie etwas zu essen hat. Diese Leute mussten also welche sein, die reich waren und nicht arbeiten mussten, denn sie hatten nichts bei sich, was man hätte tauschen können. Sie mussten alles kaufen und mit Geld bezahlen. Geld kannte man natürlich, denn es gab welche im Dorf, die davon etwas besassen. Ja, und gelegentlich hatte man ja auch selbst welches, das man aber am besten gleich wieder ausgab. Reis oder Tabak wuchs auf dem Feld nach, aber Geld musste man immer von irgend jemandem kriegen.

Aber diese Leute kauften immer alles, oft mehr, als sie essen oder trinken konnten, und manchmal warfen sie das weg, was sie nicht mehr benötigten.

Dumm, denn alles konnte man doch aufheben und später verwenden. Anfangs waren es noch wenige Fremde. Man konnte sich mit ihnen nur durch Zeichen verständigen, denn sie sprachen nur eine unverständliche Sprache. Sie waren interessiert an allem, ließen sich die Ochsen zeigen oder die Brunnen, wollten die kleinen, aber sauberen Hütten von innen sehen und die Menschen bei der Arbeit beobachten.

Sie mussten also auch wirklich dumm sein, denn wer kannte das nicht alles bereits seit Kindesbeinen? Und wie die sich kleideten! Manche trugen bunte Hemden und kurze Hosen, manchmal lustige Hüte. Sie kamen nicht auf die Idee, die Haut vor der Sonne zu verstecken, sondern waren stolz darauf, dass ihre Haut immer mehr verbrannte.

Sie wohnten auch nicht in einer Hütte, sondern sie hatten ein kleines Zimmer im kleinen Hotel der Stadt. Wenn mehrere von ihnen zusammen saßen, sprachen sie sehr laut miteinander, als hätten sie ständig Streit. Und sie lächelten kaum. Sie lächelten nicht, wenn sie am Morgen aus dem Zimmer kamen, sie lächelten nicht, wenn sie jemandem begegneten. Aber manchmal lächelten sie, wenn sie ein junges Mädchen sahen, das schüchtern vor ihnen die Augen niederschlug.
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10 Jahre später

#5

Beitrag von dogmai »

Es gibt ein Land, in dem nicht mehr alles so einfach ist, wie es einmal war. Die Menschen leben immer noch in Dörfern zusammen, aber die Städte werden immer größer, denn immer mehr Dorfbewohner zieht es in die Stadt.

Im Dorf selbst hat sich auch so manches geändert. Man hat keine Zeit mehr, dem Nachbarn zu helfen beim Bestellen der Felder. Es ist auch nicht mehr notwendig, denn inzwischen haben ein- oder mehrachsige Traktoren die Arbeit erleichtert, haben die Wasserbüffel ergänzt, bei manchem Bauern ersetzt. Dafür hat er sich aber verschulden müssen, und so sind die Kinder in die nächste Stadt oder gar nach Bangkok gegangen, um dort Geld zu verdienen. Die nächste kleine Stadt wie Roi Et, Korat, Chumphon, Chainat oder die größte Stadt, Bangkok, die Hauptstadt, dort, wo man viel Geld verdienen können soll. So hörte man. Zum Beispiel von Amphra, die dort als kleine Angestellte lebt und oft Geld nach Haus schickt in das kleine Dorf, die kleine Hütte ihrer Eltern.

Ja, sie unterstützen immer noch den Vater und die Mutter, aber sie benötigen auch mehr Geld für sich. Radio und Fernsehen sind eine Selbstverständlichkeit geworden, und der Antennenwald ist abwechslungsreicher als der Naturwald ringsumher, denn dessen Bäume wurden und werden abgeholzt um Platz für den Anbau zu machen. Manchmal ist man hingegangen und hat Eukalyptusbäume gepflanzt, denn diese wachsen schnell und können so schnell Holz liefern. Und durch Radio und Fernsehen haben sie auch Kenntnis von den Möglichkeiten erhalten, was es so alles zu kaufen gibt in der Stadt.

Und früher, als es noch den einen LKW gab im Dorf, mit dem sie alle zum Markt gefahren sind morgens, da konnten die Kinder noch unbesorgt und unbeaufsichtigt auf der Straße spielen. Die Straße, die ein Feldweg war. Heute staubt es nicht mehr so, die Straße ist asphaltiert. Es gibt den LKW nicht mehr, er wird nicht mehr gebraucht. 20 Autos, 100 Mopeds gibt es nun, und die Kinder spielen nicht mehr auf der Straße, auf den Feldern noch und dem Schulhof. Und sie eifern jetzt im Fußball den Argentiniern, Franzosen oder Deutschen nach, geben sich die Namen der großen Fußballstars, die sie aus dem Fernsehen kennen. Und so viel Geld wollen sie auch einmal verdienen, diese kleinen großen Helden aus der Dorffußballmannschaft.

Heute sind die Menschen, die das Dorf aufsuchen, nicht mehr so fremdartig aussehend. Man hat sich an Peter gewöhnt, er ist der Mann von Supi. Er kommt jedes Jahr einmal ins Dorf, verteilt süsse Bonbons an die Kinder, hat auch ein paar Kleider dabei. Nicht die neueste Mode, aber zum Arbeiten kann man das ja anziehen. Und er bezahlt immer mit Geld, aber für alles immer mehr als die Dorfbewohner.

Hinter das Geheimnis des richtigen Bezahlens ist er noch nicht gekommen. Auch die Dorfbewohner können nur noch mit Geld bezahlen in dem kleinen Laden neben dem Kloster, und nur noch Geld ist das Streben, denn nur noch mit Geld kann man den Strom bezahlen für den Fernseher und das Radio und den Kühlschrank und Benzin für das Auto und das Moped.
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20 Jahre später

#6

Beitrag von dogmai »

Es war einmal ein einfaches Land, das gibt es so nicht mehr. Dort lebten viele Menschen, die sich kannten, die in Dörfern oder kleinen Städten zusammenlebten, und die auch zusammen ihre Felder bestellten, sich gegenseitig halfen, die Tabak gegen Reis tauschten oder gegen Hühner oder Eier, damit ihre Familien satt wurden.

Radio oder Fernsehen waren ein Luxus, den sich nur ganz wenige leisten konnte, zumeist in einem Dorf nur der reichste Mann. Das war dann oft auch der Ortsvorsteher und damit der angesehenste Mann. Und wenn er zuließ, dass sich Dorfbewohner bei ihm einfanden, um die schönen Liebesfilme oder Geisterfilme zu verfolgen war es auch ein beliebter Mann.

Irgendwann einmal waren fremdartig aussehende Leute im Dorf aufgetaucht, die nicht, wie sie alle, den ganzen Tag auf dem Feld verbrachten, die nicht den ganzen Tag einer Tätigkeit nachgingen, damit die Familie etwas zu essen hat. Diese Leute mussten also welche sein, die reich waren und nicht arbeiten mussten, denn sie hatten nichts bei sich, was man hätte tauschen können. Sie mussten alles kaufen und mit Geld bezahlen.

Sie sahen die Bevölkerung in alten Hütten wohnen und den ganzen Tag die Felder bestellen und dachten, daß sie hier helfen müssen. Und so nahmen sie ihr Geld, gaben es den Bauern und nahmen dafür ihren Acker. Und als sie genügend Ackerland zusammen hatten kauften sie noch die armseligen Hütten. Sie bauten einige große Häuser in der nächsten Stadt mit 300 Wohnungen, ließen die Bauern ihre Hütten verlassen und vermieteten ihnen diese Wohnungen. Dort, wo einst das Dorf stand, steht heute eine große Fabrik, in denen die ehemaligen Bauern und deren Söhne und Töchter heute arbeiten, aber nur die kräftigsten unter ihnen. Sie stellen Ware her, die in ferne Länder geliefert wird.

Die früheren Dorfbewohner haben kein Grundstück mehr, um ihre Wäsche aufzuhängen. Sie haben keinen Platz mehr, wo sie sich mit ihren Nachbarn im großen Kreis zusammen setzen können, um zu plauschen, zu trinken und zusammen zu essen. Sie sitzen heute in ihren Zweizimmerwohnungen, um die schönen Liebesfilme oder Geisterfilme zu verfolgen.

Touristenzentren wie Pattaya oder Phuket oder Samui sind ihnen bekannt, denn ihre Töchter arbeiten dort, wo sie mehr verdienen können als in der Fabrik. Und sie wollen nicht wissen, was sie dort arbeiten.

Und wie die vielen Fremden, die jetzt hier sind, lächeln kaum noch. Sie lächeln nicht, wenn sie am Morgen aus der Wohnung im dritten Stock kommen, sie lächeln nicht, wenn sie jemandem begegnen. Es gibt auch kein junges Mädchen mehr, das schüchtern vor ihnen die Augen niederschlägt.

Wird es so sein? Wann?
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Zerstört der Tourismus Paradiese?

#7

Beitrag von dogmai »

Eine der Fragen, die man sich einmal stellen muss, ist die, ob der Tourismus verantwortlich ist dafür, dass Paradiese angeblich aussterben.

Ich kann mich noch gut erinnern an die Relaxbay in Phuket etwa im Jahre 1980.
Relaxbay1.jpg
Relaxbay1.jpg (149.44 KiB) 865 mal betrachtet
Ja, Paradiese sterben, und wir alle, die wir reisen, tragen daran mehr oder weniger eine Mitschuld. Aber lassen wir uns deshalb das Recht nehmen, zu reisen, unsere Träume zu verwirklichen von fernen Ländern, Träume, die in meiner Jugend nach Liedern wie “Unter fremden Sternen” von Freddy Quinn oder in Reisebüchern und Reiseberichten entstanden? Ich habe mir die meisten meiner Träume bezüglich Asien verwirklicht, und wenn ich einmal den Löffel übergebe habe ich ein erfülltes Reiseleben gehabt. Ich gestehe, ich mache mir über das Paradies keine übergrossen Gedanken, aber ich bemühe mich, keine Paradiespflänzchen zu zertreten.

Mit der Frage über das Sterben von Paradiesen ist unweigerlich die Frage verbunden, wer denn mehr dazu beiträgt: ist es der Pauschaltourist, oder ist es der Backpacker? Und die Frage, wer zuerst da war ist die gleiche wie bei dem Huhn und dem Ei.

Ich war erst einmal ein Neckermanntourist, denn das war 1969 die einzige Möglichkeit, nach Thailand zu reisen. Ja, es gab sie damals schon, die Backpacker, aber zumeist aus Australien, aus USA. Von Deutschland aus waren die Flüge zu teuer und einer elitären Klasse vorbehalten. Erschwinglich wurden die Flüge, als mehr und mehr der Pauschaltourismus nach Thailand griff, und das dauerte ja nicht sehr lange. Ich habe 1971, bei meiner zweiten Backpackerreise, noch ca 3.000 DM für einen Flug nach Bangkok gezahlt. Ja, und was sind Backpacker? Alle, die mit Rucksack reisen? Ich denke, es spielt auch die innere Einstellung eine Rolle. War ich einer? Ich behaupte ja.

Auch ich habe viele Traumaerlebnisse wegen der Veränderungen, die geschehen sind. Ich habe oft während eines siebenwöchigen Phuket- Aufenthaltes vor der Weiterreise zur Ostküste Malaysias an der Relax Bay gesessen, ein kleines Restaurant war da, ein paar Fischer trafen sich dort. Wir nannten sie Relax-Bay, richtig heißt sie eigentlich Hat Karon Noi. Es war der Fußweg von Karon nach Patong, von den heutigen Auswüchsen weit entfernt. Wir haben zusammen gesessen, frischen gebratenen Fisch gegessen, einander nichts erzählen können, aber gut verstanden.

Jahre später kam ich von der Karon Beach mit dem Moped die Strasse Richtung Patong Beach entlang, in Erwartung eines grandiosen Anblickes auf die geliebte Bucht ... und sah die Bucht verbaut durch ein Riesenhotel, das Le Meridien Phuket. Ich ließ Moped und Rucksack fallen, setze mich und weinte, es waren bittere Tränen, der Wut, der Trauer. Aber hatte ich das Recht dazu? Kann man eine Naturschönheit anderen vorenthalten, die halt eben eine andere Art des Reisen bevorzugen? Und wer war zuerst da?

Ich denke, Backpacker auf der Suche nach dem absoluten Individualismus haben vielerorts den Grundstein gelegt für den weiteren Tourismus, waren aber nicht immer zuerst da. Aber jetzt kommt das, was ich meine: nach dem Tourismus kamen im Gefolge die sog. Backpacker, die diese für Pauschaltouristen vorbereitete Infrastruktur nutzen konnten und auch brauchten. Denn sie suchen nicht mehr diesen Individualismus, sonden reden nur davon, dass sie abseits der touristischen Pfade reisen, darauf sind sie stolz. Aber wo ist das denn? Wer abseits der touristischen Pfade reist legt doch nur neue an.

Sorgen machen mir diejenigen, die sich als Individualisten fühlen auf den Fullmoon- und Halfmoonpartys, die stolz darauf sind, dort gewesen zu sein. Und die doch nur zu einer namenlosen ideell uniformierten Masse gehören, die Dreck am Strand hinterlässt und einen faden Geschmack. Und die fragen müssen, ob kiffen zu einem anständigen Backpacker gehört. Und da gehört eben auch meine Meinung dazu, dass die Pauschaltouristen nicht so viel in einem Land kaputt machen können, denn sie bleiben unter Aufsicht auf Pfaden der Vorgänger oder hinter den Mauern der All-inclusive-Clubs. Für sie wird alles schön bereitet, denn das Leben eines Landes würden sie nicht verstehen.

Khao San Road oder Soi Ngam Dupli. Das waren tatsächlich in Bangkok die Treffpunkte derer, die den Anfang gemacht hatten. Und ich glaube, dass sie heute weiter sind, Kambodscha, Vietnam, Borneo. Denn das sind neue Herausforderungen.

Ich fühle mich heute zu alt, um weitere Ziele in Angriff zu nehmen, ausser in Korea und Bhutan war ich auch schon in allen südostasiatischen Ländern. Was soll ich auch dort. Ich könnte nie mehr ein Land so mögen wie Thailand, bin festgebacken, fühle mich manchmal gefangen.

Einmal im Leben möchte ich eine Reise wiederholen: von Kathmandu nach Port Moresby, mit Leuten, wie sie damals dabei waren. Und die ich heute, da bin ich sicher, so oder so ähnlich immer noch auf dem Track finden kann. In der Khao San Road oder in der Soi Ngam Dupli oder vielleicht auch anderswo. (Wunsch 2012, als ich das schrieb)

Aber ich werds nicht mehr schaffen (Erkenntnis am 30.04.2026)

Und so sieht heute die Relax Bay in Phuket aus.
Relaxbay2.jpg
Relaxbay2.jpg (174.21 KiB) 865 mal betrachtet
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Tambun in Korat - die Mönche kommen

#8

Beitrag von dogmai »

Es ist früher Morgen, die Sonne scheint mir schon ein wenig zuzuzwinkern. Immer noch läuft die Klimaanlage in unserem Schlafzimmer, und ich ziehe mir die Decke weiter hoch. Es ist schon seltsam, dass ich gut und gerne auf eine nächtliche Kühlung verzichten kann, vorziehen würde ich alleine einen Fan an der Decke. Für meine Frau gilt das nicht. Ihr ist immer warm, und am liebsten würde sie im Kühlschrank übernachten, naja, vielleicht bei geöffneter Tür. So mache ich das Spiel halt mit und decke mich warm zu, und das im subtropischen Korat, unserem thailändischen Gelegenheits-Wohnsitz Hua Ban Thalae, unserer Siedlung Rung-Arun-Villa.

Die Sonne – o ja, es ist also bereits nach 05.30 Uhr, mitten in der Nacht fuer einen Urlaub. Aber ich kann einfach nicht mehr schlafen. Ich möchte auch den Tag ausnutzen, der ja nur von sechs bis achtzehn Uhr geht, so lange scheint die Sonne jetzt etwa. Und der frühe Tag bietet noch leichte Kühlung. Und so stehe ich auf, um zu duschen. Wir haben keinen Warmwasserbereiter im Bad, doch das Wasser kommt nicht kalt aus der Brause, hat sich in der Nacht im Wasserhochbehälter leicht erwärmt, die Temperatur ist nach wenigen Sekunden richtig angenehm. Ich setze die Kaffeemaschine in Gang, meinen guten Bohnenkaffee habe ich mir aus Deutschland mitgebracht, feines Vollkornbrot habe ich gestern im Klang Plaza gekauft.

Bis der Kaffee fertig ist mache ich noch einen kleinen Spaziergang durch die Siedlung. Ich bin nicht der einzige Frühaufsteher. Die Nachbarin hat vorne an der Strasse einen kleinen Tisch aufgebaut, auf dem eine Schüssel mit Reis steht, ein wenig Beilagen. Sie hat selbst ja nicht so sehr viel, aber das macht sie jeden Morgen, denn bald werden die Mönche aus dem benachbarten Wat kommen, um die Essensspende, das Tambun, in Empfang zu nehmen. Sie hockt sich vor den Tisch, nimmt die Reisschüssel in beide Hände und hält sie wie zu einem Wai vor die Stirn. Dabei spricht sie leise den Text des Morgengebetes vor sich hin. Sanft stellt sie die Schüssel zurück und wiederholt es mit dem Teller, auf dem Gebratenes liegt, Gemüse und Früchte. Dazwischen schaut sie zu mir hin, lächelt und grüsst mit einem „Sawadie Kha“, indem sie die Hände mitsamt dem Teller in meine Richtung bewegt.

Nun hat sie alles gut vorbereitet, hat Speisen für die Mönche bereit gestellt, hat den Text rezitiert. Geduldig wartet sie nun. Dabei hat sie noch Zeit, die Hofeinfahrt zu fegen, ein wenig Laub und abgefallene Blüten des wunderschön blühenden Hibiscus- Strauches auzusammeln. Immer wieder geht ihr Blick die Strasse hinunter in die Richtung, aus der die Mönche auftauchen werden. Auch weiter unten am Straßenrand warten Menschen darauf, ihre Almosenspeise in die Schale der Mönche zu geben. Zwei Soi´s weiter hat eine Frau einen Tisch aufgebaut. Auch sie wird Speisen verteilen, aber zusätzlich hat sie sich zum Verkauf eingerichtet. Nicht alle Nachbarinnen haben die Zeit gehabt, Essen zu bereiten, und so können sie sich hier bedienen, gegen einen geringen Kaufpreis ein paar Tüten mit Reis und Beilagen zu kaufen. Ich kann die ganze Strasse überblicken, es ist eine kleine Siedlung, die Hauptstrasse und 12 Sois.

Nach rechts die mit geraden Nummern, nach links die Ungeraden. Wenn ich manchmal hinunter gehe zu dem kleinen Geschäft oder zur Haltestelle der Saeng Thews grüssen mich die meisten freundlich, stellen mir immer wieder die gleichen Fragen. Wie geht es? Wo gehst du hin? Was machst du heute? Nicht, dass sie es wirklich wissen möchten, aber was sollen sie sonst mit mir reden? Sie wollen aber zeigen, dass sie mir wohl gesonnen sind. Und ich beantworte immer wieder die Fragen, bemühe mich, jeden Tag eine andere parat zu haben. Gerade diese Floskeln beherrsche ich perfekt, fast ohne Akzent, und das bringt mich oft in die Verlegenheit, dass dann schnell und viel mit mir gesprochen wird und ich vieles nicht mehr verstehe. Aber meine Nachfragen werden geduldig wiederholt, bis ich zumindest den Sinn verstanden habe, und wieder bemühe ich mich, freundliche Antworten zu finden.

Unten biegen inzwischen die beiden Mönche um die erste Ecke. Unter ihrer safrangelben Robe halten sie die Almosenschale im Arm. Ihnen folgt ein kleiner Mann, über die Schulter mehrere große, noch leere Beutel gelegt. Er ist der Helfer, denn sie sind ja nur zu zweit, aber viele möchten geben, sich Verdienste erwerben. Er wird ihnen die Beutel mit dem Essen abnehmen, es dann in seinen Beuteln zum Wat transportieren.

Überall bleiben sie stehen, nehmen die Robe zurück.Die Menschen legen ihre Speisen in die Schalen, dann gehen sie in die Hocke und nehmen die Hände zum Wai vor die Stirn. Die Mönche geben mit ihrem Sprechgesang einen Segen zurück. Sie bedanken sich nicht für die Gaben, denn der Gebende erwirbt sich ja seine Verdienste. Dann gehen die Mönche schweigend weiter, hintereinander, bis zum Nächsten.

Der Buddha selbst hat den Almosengang für seine Anhängerschaft vorgegeben, demütig sollen sie sein, die Mönche, aber nicht, weil ihnen gegeben wird, sondern weil sie ihr Leben in Demut verbringen. Meine Nachbarin hat inzwischen ihren Mann gerufen, der sich nun zu ihr gesellt. Zu zweit warten sie nun, hinter ihrem Tisch hockend, darauf, bis die Mönche sie erreicht haben. Die ganze Situation berührt mich innerlich. Hier wird gegeben ohne Erwartung einer sichtbaren Gegenleistung, ohne Erwarten eines Dankes. Die Handlung selbst ist Ausdruck der inneren Haltung. Es ist kein Muss, es gibt keine Vorschrift des Tuns, es ist ein Wollen. Aber es ist auch die Erwartung, sich gutes Karma zu schaffen durch das Geben an die Mönche.

Auf dem weiteren Weg kommen die beiden Mönche nahe bei mir vorbei. Ich grüsse sie und beantworte eine kurze Frage nach meiner Nationalität, nehme eine Einladung in ihr Wat entgegen, ich sei ja schon einmal da gewesen und ihnen begegnet, erinnern sie sich.

Die Menschen gehen in ihr Haus zurück, nehmen den Alltag auf.

Die Mönche gehen schweigend davon.
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Schicksal in Pak Thong Chai

#9

Beitrag von dogmai »

Heute fahre ich mit den Kindern zur Mall und besuche das Schwimmbad. Es ist, wie an anderer Stelle schon erwähnt, wirklich besuchenswert und die Kinder haben ihren Spass. Später treffe ich mich auch noch mit meiner Frau, die dann weiter für die Kinder sorgt. Ich möchte für meine Brille einen getönten Vorsatz kaufen, der mir in der Mall überall fuer etwa 250-300 Baht angeboten wird. Auf dem Rückweg von Lotus, in dem ich Teile für den Haushalt gesucht habe, komme ich an einem Optiker direkt neben The Mall vorbei und gehe einfach mal hinein. Dort wird mir dieser Vorsatz für 180 Baht innerhalb von 20 Minuten gleich angepasst. Das ist absolute preiswert, und ich hole meine Frau ebenfalls nach hierhin. Sie hat Probleme mit ihrer Brille, die sich an ihren Wangen reibt. Ein Hinweis darauf, dass sie in letzter Zeit auch im Gesicht etwas zugenommen hat ist an dieser Stelle absolute unangebracht. Man setzt ihre Gläser einfach in ein neues Gestell, und sie ist absolut happy. Das Ganze dauert etwa 1 Stunde, und ich werde in dieser Zeit in der Mall einen Kaffee trinken gehen.

Als ich das Cafe betrete, fällt mir unwillkürlich ein Satz eines Berliner Freundes wieder ein: … und hinter jeder Theke steht eine Miss Thailand. Auch hier ist es so, und diese Miss Thailand hinter der Kaffeetheke kann auch noch Capuccino herstellen vom Feinsten. Ich setze mich mit meiner Tasse an einen Tisch am grossen Fenster zur Passage, und mir stockt für einen kurzen Augenblick der Atem. Ist die Kaffeeteuse eine Miss Thailand, so sitzt jetzt am Nebentisch Miss Universum. Ich glaube nicht, dass sich in meiner Erinnerung ein vollkommeneres Thaigesicht versteckt, und ich kann den Blick kaum von dieser Frau lösen, vermeide aber nach bestem Können, sie anzustarren. Als sich einmal unsere Augen treffen, legt sich ein feines Lächeln auf ihr Gesicht, ganz so als wüsste sie, was mich jetzt bewegt und warum.

Ihre zartgliedrigen Finger spielen sanft mit einer kleinen Holzfigur, aber sie macht keineswegs den Eindruck, als langweile sie sich. Als ihr das Figürchen entgleitet und zu Boden fällt, greift sie mit einer etwas linkischen Bewegung danach, hält aber inne und kann es nicht erreichen. Ich stehe auf, hebe es auf und lege es wortlos auf ihren Tisch. Sie bedankt sich in englisch.

Ihre Stimme fasziniert mich außerordentlich, sie ist fein, klar, und sie drückt sich sehr gut aus. Woher ich denn komme, fragt sie mich. Deutschland würde sie sicher gerne einmal besuchen, sie habe schon viel davon gehört. Sie ergeht sich dabei nicht in Phrasen und Floskeln, sondern spricht sehr überlegt, und im weiteren Gespräch bittet sie mich, doch an ihrem Tisch Platz zu nehmen.

Nie hat bei mir eine Tasse Capuccino länger gehalten als diese. Wir erzählen uns, wie es doch bei Gesprächen mit Thais üblich ist, ein wenig voneinander, auch dass sie im letzten Jahr einen Autounfall hatte, erfahre ich von ihr ganz beiläufig. Und ich erzähle ihr, dass meine Frau sich gerade eine neue Brille machen lässt und dass ich es für ein Glück halte, mir dieses Cafe für eine kurze Pause ausgesucht zu habe. Die Zeit vergeht gar nicht sehr schnell. Sie erzählt mir weiter, daß sie Lehrerin an einer Dorfschule war. Der Unfallfahrer hat sie auf der Straße zwischen dem Dorf und dem kleinen Städtchen, als sie auf dem Nachhauseweg war, angefahren und liegen lassen. Erst Stunden später fand ihr Mann sie, als sie nicht wie gewohnt nach Hause kam. Er verließ sie, wollte keinen Krüppel als Frau. Nun kommt sie ständig nach Korat, wo man sie im Krankenhaus weiter behandelt.

Irgendwann geht diese Zeit zu Ende, endet diese kleine Begegnung. Ich verabschiede mich von ihr, sie wünscht mir viel Glück für mein Leben. Diese Frau wünscht MIR viel Glück?

Aus der Passage schaue ich zurück durch die große Scheibe, schaue hin zu ihrem Tisch. Mit einem etwas verlorenen Lächeln hat sie mir auch nachgeschaut, jetzt dreht sie ihren Rollstuhl wieder ganz zum Tisch hin, den Rollstuhl, den sie benötigt, weil sie bei dem Unfall beide Unterschenkel verloren hat und sich noch nicht auf Prothesen bewegen kann.
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Ein Nachtrag aus dem Jahre 2009: ich habe den Kontakt zu ihr nicht verloren. Während meines Aufenthaltes im Juni 2009 besuche ich sie, sie wohnt immer noch in der Stadt nahe Korat. Sie kann inzwischen mit ihren Prothesen sehr gut gehen, und sie ist froh, ihren Beruf als Lehrerin in der kleinen Schule wieder ausüben zu können. Stolz zeigt sie mir ihr Tätigkeitsfeld, “ihre” Kinder, und die Kinder zeigen sich auch froh, sie wieder als Lehrerin zu haben.
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Weiterer Nachtrag 2012: Ich habe sie in diesem Jahr in Pak Thong Chai, das ist diese kleine Stadt in der Nähe von Korat, besuchen wollen. Ihr Haus stand leer. Ich kannte ja ihre Schule, und so bin ich eben dorthin und traf auch den Direktor an. Er machte mir die Mitteilung, dass sie sich inzwischen das Leben genommen hat, nachdem auch ein neuer Lebensgefährte sie verlassen hatte.

Er liess mich dann kurz alleine, damit ich meine Tränen nicht verbergen musste.
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Willi Wacker
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Re: Meine Geschichten aus Thailand

#10

Beitrag von Willi Wacker »

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