Nachher ist man immer klüger. Schon in Essen gab es in einem Tunnel zum Hbf eine Massenpanik, die leicht tödlich hätte enden können. Es ist halt gutgegangen und hätte auch in Duisburg gutgehen können. Ausser den eklatanten Schwächen in der Planung, vor allem die fehlende Trennung von Ein- und Ausgang war es zu einem grossen Teil auch die Verquickung von tragischen Umständen. Fast alle Toten sind vor der Treppe erdrückt worden. Hätte da nicht ein Ordner und Polizist versagt, dann hätten die Eingepferchten dem Halbstarken mit dem V-Zeichen wohl nicht nachahmen wollen und genau dahingedrängt. Sicher, es hätte reihenweise Ohnmächtige gegeben, aber mutmasslich keine Toten. Damit, dass man (Polizei und Ordner) dann auch anfing, tröpfchenweise Leute über die Treppe rauszuziehen, hat man für ca. zehn verhängnisvolle Minuten einen Soog entfacht, dem 21 Menschen nicht standgehalten haben. Hier hat der gute Wille leider das Gegenteil bewirkt. Und auch wenn Photos es suggerieren, die Tunnel der Karl-Lehr-Str. haben zwar einen einmalig morbiden De-Indutrialisierung-Charme, aber übermässig düster sind sie durch die Unterbrechungen nicht.
Bis heute ist mir nicht klar, warum die Polizei über eine halbe Stunde den Eingang komplett geschlossen hat. Viele Leute wollten raus und konnten nicht, dass Warten auf ein Entspannen der Situation oberhalb der Rampe war also völlig zwecklos. Die Polizisten haben nämlich selber durch die Krümmung nach der Rampe keinen Überblick gehabt. Als um 16:40 oben wieder aufgemacht wurde (in den Minuten wo Menschen starben), haben die meisten unten das gar nicht sehen können. Erst als die Polizisten auf den Balustraden oberhalb der Rampe und auf der Treppe unermüdlich durch Gesten diesen Weg beschieden, entspannte sich die Situation.
Hätte die Polizei -wie vorher für eine Krisensituation vereinbart- die kleine Rampe Richtung Westen für Kommende geöffnet, wäre viel Druck vom Haupt-Zulass genommen worden.
Hätte der Veranstalter das Gelände nicht mit zweistündiger Verspätung geöffnet, wären wohl auch schon früher viele wieder gegangen. Insgesamt hat man wohl mit ca. 450Tsd. gerechnet, über den Tag verteilt. Die max. gleichzeitig Anwesenden wurden auf 250 prognostiziert. Das Gelände hätte dafür gereicht, zum Katastrophen-Zeitpunkt waren geschätzt knapp 200Tsd. auf dem Gelände. Dass das eng und heftig ist, das war auch bisher auf den Love-Parades so. Junge Leute möchten sich sowas offenbar antun. Die im Vorfeld und am Tag, genau wie in allen vergangenen Jahren genannten Zahlen waren reine Marketing-Lügen, jeweils um den Faktor drei bis vier multipliziert. Die Stadt war darüber informiert und mehr oder minder genötigt, darüber zu schweigen, auch wegen dem ach so tollen "Image".
Die Planungsfehler des Veranstalters entbinden die Polizei nicht von ihrer Verantwortung für Leib und Leben von Menschen, auch wenn offenbar ein grosser Unwillen bestand, das auszubaden was Lopavent den Beamten eingebrockt hat. Für die Polizisten ist das alles andere als angenehm bei so einem Einsatz, aber die quälend langen Kommunikationswege waren ein Armutszeugnis erster Güte. So hat der Crowd-Manager bereits um 15 Uhr Hilfe angefordert: Halbe Stunde bis zur Weiterleitung, weitere halbe Stunde bis zur Einsatzfähgigkeit der Hundertschaft auf der Rampe. Das Ganze auf einem Weg von vielleicht zweihundert Metern!!!!! Und dann völlig planlos vorne alles dicht machen und hinten durch eine Panne noch Leute nachströmen lassen. Wenn man jemanden lynchen sollte, dann die Polizei-Führung. Wer die Verhältnisse in Duisburg wie ich täglich verfolgt, wundert sich allerdings nicht darüber. Ich habe schon in vielen Städten gewohnt, aber dass Polizei nicht gleich Polizei ist, ist mir erst hier vor ein, zwei Jahren erst richtig bewusst geworden. Geradezu lachhaft ist das Verhalten von Neu-Minister Jäger, der vom ersten Tag an die Offensiv-Strategie gefahren hat "Polizei ist nicht schuld!". Peinlich, was für Nasen hier im grössten Bundesland Minister werden können, ehrlich, auch in der vorherigen Rüttgers-Mannschaft.
Der Schaller hat natürlich auch seinen Anteil am Unglück. Offenbar hat auch er hier und da Druck auf die Stadt gemacht und die ungesetztlich schmalen Rettungswege durchgesetzt. Aber Schaller ist kein skrupelloser, profitgieriger Mörder. Er ist einer von vielen Verantwortlichen, die sich schuldig gemacht haben. Ob man ihn dafür zur Rechenschaft zieht, wer weiss. Vermutlich werden die Urteile so in etwa zehn Jahren gesprochen (vergleiche Flughafenbrand D´dorf), ist einfach ein Mamut-Verfahren so viel ist schon jetzt klar.
Ich bin ganz nah dran am Geschehen, aber bin am Samstag zu meinem Vater geflüchtet, weiss selber alles nur aus den Medien. Die Stimmung hier in der Stadt war monatelang eindeutig contra Love-Parade. Niemand war bereit dafür einen Cent auszugeben (online-Umfrage der WAZ im Frühjahr). Es ist zwar nicht mehr so heftig mit den nackten Titten wie in Berlin sondern fast etwas familiärer und nicht zwingend Techno-Fan-lastig, aber ein gewisser halbseidener Geruch haftete der Veranstaltung immer noch an. Ich musste morgens aus dem abgesperrten Bereich in der City durch Sperren die Stadt verlassen. Da ein Ordner auf mich zukam und die Geste wo es rausgeht, auch noch mündlich übertragen wollte, fragte ich ihn "nur-so" mal nach dem Weg zur Autobahn (die Auffahrt zur A40 ist hundert Meter weiter

), das wusste der nicht "ik komm nich von hier". Hab ich nur gedacht "jo, haste mal nen kleinen Job für sieben Euro". Also wieder mal auf der Flucht vor den Massen, vorher die (echten) Millionen auf dem "Still-Leben A40" wollte ich mir auch nicht ansehen, nachdem in der Stadt eine wahre Fahrrad-Völkerwanderung auszumachen war und stundenlang Helikopter über mir kreisten und lärmten.
Sauerland wollte die Love-Parade, hat Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die 300000 zusammenzubekommen, die die Stadt auf Weisung des Regierungspräsidenten wegen der Haushaltsnotlage nicht zuschiessen durfte. Letzlich hat auch sein Parteifreund Rüttgers für Geld aus der Landeskasse gesorgt. Alle Top-Leute wollten das Lauerland, Rüttgers und Fritz Pleitgen. Alle Warnungen von Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt wurden in den Wind geschrieben. Vielleicht wollte man das verwaltungsintern doch noch in letzter Minute absagen. Sechs Wochen vor der Veranstaltung bekam ich nämlich wie alle City-Bewohner das Info-Schreiben mit den Absperrungen und den Zu- und Abwegen der Besucher. Angekündigt war: Sie bekommen wenige Tage vor der Veranstalung nochmal die Information mit den entgültigen Planungen. Aber- es kam nichts mehr.
Sauerland ist ein Weichei, war aber zurecht äusserst beliebt in Duisburg. Kann man mit dem Schramma (U-Bahn-Stadt-Archiv-Einsturz) in Köln vergleichen. Netter Mensch, begeisterungsfähig, wohl etwas bierseelig, aber mutmasslich nicht korrupt (was in dieser Stadt, oder besser: in diesem Land) keineswegs selbstverständlich ist. Ich habe letztes Jahr bei meiner ersten Wahl in dieser Stadt erstmalig in meinem Leben einen CDU-Mann gewählt - Sauerland, nachdem ich erfahren habe, was Grüne und SPD sich hier so leisten und geleistet haben. Selbstverständlich war ich entsetzt, als sich herausstellte, dass der nicht die politische Verantwortung übernimmt. Als herauskam, dass er dann von heut auf morgen evt. (da gibt es widersprüchliche Aussagen) mittellos dasteht, habe ich meine Meinung geändert. Wer das in vergleichbarer Situation machen würde, der soll den ersten Stein werfen. Es gab hier in NRW noch nie solch einen Fall, seitdem die Bürgermeister nicht mehr ehrenamtlich sind (vorher Doppelspitze mit Verwaltungs-Direktor) und der Bürgermeister vorher Beamter war. Der Präses der evangelischen Kirche im Reinland hat dazu sehr einfühlsame Worte gefunden.
Apropos: Bei der Trauerfeier hatte ich bei der Rede von Frau Kraft Tränen in den Augen. Eigentlich wäre ich gerne in die Salvator-Kirche gegangen, aber bei der WAZ stand, dass dies nur geladenen Gästen möglich ist. Den Kirchturm kann ich von der Küche aus sehen (100m), die ganze Stadt hielt irgendwie inne. Hatte dann doch mal was von Würde, sonst ist das hier schon leicht prollig. In einem online-Beitrag einen Tag vorher (WAZ oder RP, weiss nicht mehr) schätzte man die Menschen in und um das Wedau-Stadion auf mindestens 100Tsd. Mag sein, dass das sehr, sehr viele vom Besuch abgehalten hat. Ich habe in den ersten zwei Wochen nach der Katastrophe täglich das ganze Netz nach Infos durchsucht, massenhaft You-tube-Videos gesehen, fast wie nach dem Fall der Twin-Towers und wurde täglich daran erinnert, wenn ich über die Autobahnhochbrücke von Süden kommend auf das Gelände schaue. Ich habe es auch vorher sich sehr zäh verändern sehen (man hätte durchaus noch mehr Gelände südlich aufbereiten können, oder diese dämlichen Hallen abreissen). Was ich von anfang an absurd fand, war jedoch, dass man die Leute in rund zwei Kilometern weit ans Gelände führt, anstatt den breiten Eingang "Am Güterbahnhof" zweihundert Meter vom Hbf dafür zu nutzen: Der war am Ende nur der Presse vorbehalten - völlig unverständlich!
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Auch das Verhalten der Bundespolizei nach der Veranstaltung: Etliche Male hat man den Hbf komplett dicht gemacht, weil Leute "auf den Gleisen" waren (wohl eins von 12) und durch nachströmende Leute das Chaos bis tief in den Morgen auch nochmal Opfer hätte fordern können.
Ich hätte kotzen können, als ich erfuhr, dass das Gutachten der Stadt (contra Polizei) von der der korrupten Geliebten des Ex-Mülheimer OBs geliefert wurde. Filz pur: ...xtranews.de/2010/08/04/loveparade-gutachten-wie-glaubhaft-ist-frau-dr-ute-jasper/
Letzlich ist die Durchführung so einer Veranstaltung im Herzen einer Grossstadt wohl im Grunde undurchführbar, will man keine Menschen gefährden. Viele Menschen haben Fehler gemacht, teilweise muss man leider sagen: Verständliche Fehler, weil es immer noch gutgegangen ist. Wegen Eschede (der ICE-Unfall) ist ja auch keiner in den Bau gegangen. Köpfe müssen und werden rollen, das ist klar. Aber es wird nicht das letzte Unglück sein, dass durch Versagen, Fahrlässigkeit und Fehleinschätzungen passiert.